Donnerstag, 6. März 2014

Der große Irrtum über die aktive Hinterhand

Viele Reiter wissen, dass die Hinterhand ihres Pferdes aktiv sein muss, aber die wenigsten verstehen, was das wirklich bedeutet.
Wir unterscheiden bei der Beurteilung der Hinterhandtätigkeit drei Kriterien:
  1. der Raumgriff
  2. die Höhe der Tritte
  3. die Beckenaktivität
Wenn ein Pferd fleißig vorwärts geht, macht es große Schritte nach vorne und das Hinterbein fußt unter dem Reitergewicht. Hierdurch fällt es dem Pferd leichter, das Reitergewicht zu tragen. Das wissen die meisten Reiter und halten sich daran. Heute allerdings reicht diese Regel nicht mehr aus.

Wenn ein Pferd mit hohen Tritten unter seinen Körper tritt, wird das in der Regel als Versammlung bezeichnet. Das bedeutet klassisch ausgedrückt „die Kadenz“ erhöht sich., wodurch sich der Raumgriff verringert. Das Pferd verlagert sein Gleichgewicht mehr auf die Hinterhand. Auch diese Erklärung kennen die meisten Reiter und auch diese Erklärung ist nicht mehr uneingeschränkt zeitgemäß.

Warum?

Früher war der Körperbau der Pferde so, dass großer Raumgriff und schöne Versammlung nur unter Beteiligung des Beckens möglich waren. Heute sind die modernen Sportpferde so gezüchtet, dass beides ohne Beteiligung des Beckens möglich ist. Die Folgen sind für die Gesundheit des Pferdes katastrophal.

Bitte probiere einmal die auf dem folgenden Bild gezeigte Übung:

Wenn man das Bein so hoch anhebt und dabei nicht im Hohlkreuz die Schultern nach hinten kippen lassen will, geht das nur, wenn das Becken gekippt wird. Dabei fühlt man, wie der Rücken im Bereich der Lendenwirbelsäule in eine stabile Dehnung gezogen wird.

Genauso ist es beim Pferd, wenn es beim vorwärts treten das Becken mit bewegt.
Das Becken wird gekippt, dadurch werden die langen Muskeln entlang der Wirbelsäule gedehnt und der gesamte Rücken erhält ein hohes Maß an Stabilität, wodurch das Pferd den Reiter gut tragen kann.

In der Dressurausbildung sollte es deshalb so sein, dass das Pferd im ersten Ausbildungsabschnitt lernt, mit der Hinterhand so fleißig zu sein, dass das Becken bei jedem Schritt gut mit bewegt wird und dann in der Versammlung „schöner“ vorwärts tritt ohne dass die Beckentätigkeit aufhört. (Hierbei nimmt das Pferd dannn übrigens auch selbstständig! die schöne Halshaltung der Versammlung ein.)
Deshalb ist auch die Erhaltung des Schwungs in der Versammlung ein wesentlicher Faktor bei der Entwicklung gesunder Versammlung.

Bewegt das Pferd die Hinterhand ohne das Becken zu kippen, entwickelt sich ein Hängerücken. Beim jungen Pferd fällt das noch nicht auf, da es eine Weile dauert, bis die Wirbelsäule so kaputt ist, dass man auch von weitem das Hohlkreuz sieht. Lange Zeit sieht das Pferd gesund aus, aber die Muskeln im Rücken sind bereits viel zu weich und „schwabbelig“ und können den Reiter nicht mehr tragen. Das Gewicht lastet viel zu sehr auf den Knochen.

Oft habe ich mit Reitern zu tun, die diese Erklärung zwar hören aber nicht umsetzen können (wollen?) weil das Sitzen auf einem Pferderücken ohne Beckenbewegung sehr viel leichter ist, als auf einem Pferd mit Beckenbewegung.
Der Rücken ohne Beckenbewegung bewegt sich fast gar nicht. Oft sieht man barocke Pferd (Spanier, Friesen), die ohne Beckenbewegung beeindruckende Tritte zeigen und die Reiter schwärmen, wie toll weich und bewegungslos man sitzen kann. Auch viele Freizeitreiter kennen diese Zusammenhänge nicht und freuen sich über eine vermeintlich schöne, angenehme Rückentätigkeit ihres Pferdes. 

Das Bild oben ist Teil des Buches PHYSIO-RIDING mit Sabine Bruns (Verlag Müller Rüschlikon)



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Ausbildung Tierphysiotherapie:



Dienstag, 25. Februar 2014

Tiere lernen anders – warum?

Zur Abwechslung sei mir heute ein kleiner Abstecher in die Philosophie gestattet.

  
Wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben werden. 
Trotzdem leben wir so, als ob wir nicht sterben würden.
Das kommt, weil man uns seit vielen, vielen Generationen nichts anderes bei bringt, denn unsere gesamte Zivilisation, unser Wirtschaftssystem und sämtliche politischen Machtspiele und Kriege funktionieren nur, wenn alle Menschen mitspielen.
Wir lernen ab dem ersten Tag unseres Lebens, dass es zwar so etwas wie den Tot gibt, aber natürlich nicht in unserem eigenen Leben, deshalb müssen wir alles mögliche lernen, was später dafür sorgen soll, unseren Beitrag in diesem System der Zivilisation und des wirtschaftlichen Wachstums leisten zu können.
Kommt dann der Tot, sind wir völlig schockiert und ratlos: „Wie, der kommt auch zu mir?! Und jetzt schon?! Hätte ich das gewusst, hätte ich ja ganz anders gelebt.“
Jeder kann sich in ein stilles Eckchen setzen und mal darüber nachdenken, ob er genauso weiter machen würde, wie bisher, wenn er wüsste, dass sein Leben in vier Wochen beendet wird.

Warum schreibe ich in einem Blog, in dem es um die Ausbildung von Tieren geht, über dieses Thema?

Ein Tier ist intelligenter als ein Mensch.
Es weiß, dass das Leben endlich ist und dass der Zeitpunkt dieses Endes jederzeit sein kann.
Für ein Tier ist deshalb jede Art von Aktivität und Anstrengung für Ziele, die das Wissen um diese Endlichkeit ausschließen, völlig sinnlos.
Kein Hitler dieser Welt hätte Millionen von Tieren dazu bewegen können, Massenmorde zu begehen. So was schafft man nur mit uns dummen Menschen.
Kein Mensch könnte ein Tier dazu bewegen, sich 8 - 10 Stunden des Tages mit Stress beladen darum zu kümmern, Geld zu verdienen, das man nur braucht, um seine durch den Stress verursachten Krankheiten zu kurieren oder Sachen zu kaufen, die man zum Leben gar nicht benötigt.
Kein Tier würde je auf einen Werbespot oder eine "Mode" hereinfallen.
Auch würden Tiere sich niemals, nur weil ein Machthaber das will, für Kriege um Geld, Land oder Macht missbrauchen lassen. 
All das geht nur mit uns dummen Menschen.

Für ein Tier zählt das gute Gefühl im Moment und die Fortpflanzung und es wird seine Intelligenz nur nutzen, wenn es für die Erhaltung dieser Lebensphilosophie nützlich ist.
Ein gutes Gefühl hat das Tier, wenn es sich sicher fühlt, vermeidbaren Schmerzen ausweicht, wenn es ausreichend zu fressen hat und wenn es die Gegebenheiten des Moments zum eigenen Wohlbefinden nutzen kann. Es wird nie darüber nachdenken, warum gerade etwas so ist, wie es ist.

Viele Menschen wollen ihre Tiere ausbilden und meinen, das Tier ist weniger intelligent als der Mensch. Das ist aber nicht richtig, die Tiere sehen nur in vielen unserer Anstrengungen die Sinnlosigkeit, was uns selber durch unsere Erziehung abhanden gekommen ist.

Warum sollte ein Pferd es sinnvoll finden, in einer Turnierprüfung zu laufen?
Warum überhaupt sollte ein Pferd es sinnvoll finden, in einer rechteckigen Bahn Runde um Runde Energie zu verschwenden ohne an einem Ziel anzukommen?
Warum sollte ein Hund es sinnvoll finden, bei einem Menschen bei Fuß zu gehen?
Warum sollte ein Pferd es sinnvoll finden, über Hindernisse zu springen, obwohl man auch daran vorbei laufen kann?
Warum sollte ein Hund es sinnvoll finden, ein Rudelleben mit Menschen zu führen statt mit anderen Hunden?
Diese Liste könnte man jetzt endlos weiter führen.

Trotzdem bekommen wir unsere Tiere mehr oder weniger mühsam dazu, all diese Dinge zu tun, die eigentlich völlig unbedeutend sind.

Das Tier lebt im Moment. Und wenn das Pferd weiß, dass es dem Reiter ausgeliefert ist, wird es immer versuchen, sich mit dieser Situation zu arrangieren, um seiner Lebensphilosophie nahe zu bleiben.
Und wenn der Hund weiß, dass er dem Menschen ausgeliefert ist, wird auch er sich mit dieser Situation arrangieren, um seiner Lebensphilosophie treu zu bleiben.

Wir Menschen sollten uns eingestehen, dass unsere Hunde oder unsere Katzen in unserem Haushalt nur leben, weil wir sie füttern, nicht weil sie uns so lieben. 

Viele Menschen und ihre Tiere werden sehr unglücklich, weil der Mensch nicht versteht, dass die Weltanschauung des Tieres nicht so verblödet ist, wie unsere eigene.

Das Lernen über positive Bestärkung wie es beim Clickertraining passiert (wenn es korrekt ausgeführt wird!!!), kommt der Lebensphilosophie des Tieres, nach der es sie in der Natur leben würde, am nächsten, denn es wird nicht zu einem Ersatzkind oder Ersatzpartner degradiert sondern als selbstbewusstes Individuum akzeptiert. 
Es lernt: 
In diesem Moment kann ich meine Intelligenz nutzen, um in diesem Moment mein Ziel, Futter zu bekommen, zu erreichen und ich fühle mich dabei gut und sicher.

So lässt es sich erklären, dass gezähmte und nicht gezähmte Tiere aller möglichen verschiedenen Rassen und Arten auf der Welt mittels der positiven Bestärkung höchst erstaunliche intelligente Fähigkeiten entwickeln.
Warum wird trotz sehr vieler Beweise dieser Tatsache, diese Methode nicht viel mehr genutzt?
Warum hängen die Ausbilder von Tieren trotzdem an veralteten Systemen und längst widerlegten
Thesen zum Lernverhalten des Tieres?
Warum rümpfen Tierbesitzer die Nase und sagen: "Ich arbeite nicht mit Futterbestechung."

Vielleicht, weil wir Menschen dann zugeben müssten, dass wir die dümmeren sind....?

Eine interessante Überlegung wäre es, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn wir Menschen von den Tieren lernen und unsere Intelligenz ausschließlich dafür nutzen würden, den Moment so gut wie möglich zu machen.....?   


Bitte besuchen Sie
Die Ausbildung des Pferdes aus tierphysiotherapeutischer Sichtweise

Besser reiten mit Tai Chi, Qigong und Mentaltraining

Ausbildung zum Tierphysiotherapeuten in unserer Akademie AFT interaktiv Gbr

lesen Sie hierzu auch gerne meinen Bericht zum Clickertraining mit Hühnern :
http://pr-reitpraxis.blogspot.de/2013/12/erkenntnisse-uber-die-trainingstechnik.html

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Erkenntnisse über die Trainingstechnik „Lernen mit positiver Bestärkung“

„Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden“ 
                                                                               Sokrates


Einer der Gründe, warum ich das Konzept PHYSIO-RIDING entwickelt habe, war die Erkenntnis aus der Tierphysiotherapie, dass ein Pferd nur dann gesund bleiben kann, wenn es sich während der Zusammenarbeit mit dem Menschen wohl fühlt. Jede Art von Angst und Stress sorgt für konstante Muskelanspannung, die gutes Reiten verhindert und das Pferd auf Dauer krank macht.

Grundlegender Bestandteil der Ausbildung des PHYSIO-RIDING war deshalb von Anfang an die Belohnung mit Leckerli nach der freundlichen!!! Aufforderung, eine Aufgabe zu erfüllen. Jede Art von Zwang oder Unterdrückung sollte unbedingt vermieden werden.

Als dann vor einigen Jahren das „Clickertraining“ erst in der Hundeerziehung und später auch in der Pferdeausbildung seinen Einzug fand, hat mich dieses Thema natürlich auch sofort interessiert. Leider informierte ich mich aber bei Leuten, die dieses Training mit „Halbwissen“ bewaffnet und dadurch falsch ausführten, was mich doch sehr abschreckte, da die Pferde außer einigen einfachen Kunststückchen wie beispielsweise Ball spielen nur unangenehmes Betteln und „Leckerli fordern“ lernten und sogar frech bis aggressiv wurden.
Ich lehnte daraufhin diese Ausbildungsmethode ab, wie viele andere auch, die gleiche Erfahrungen gemacht hatten. Zum Glück blieb es aber nicht dabei, da ich auch andere Leute kennen lernte, die „richtiges“ Clickertraining praktizieren. Heute weiß ich, dass alle diese unerwünschten Effekte nur dadurch entstanden sind, dass die ausführenden Menschen zu wenig Fachwissen und zu wenig Übung hatten.

„Du bekommst, was Du clickst.“ sagt Viviane Theby, (Buchautorin und Tierärztin mit Zusatzausbildung Verhaltenstherapie) und dieser Satz enthält mehr Fachwissen als so einige Bücher, die mittlerweile zu dieser Ausbildungsmethode auf dem Markt sind.

In der vergangenen Woche nahm ich an einem ersten Seminar bei Viviane Theby teil, bei dem Hühner mittels des Clickers über die positive Bestärkung trainiert werden. In dieser Woche hatten wir auch das große Glück, Bob Bailey und Parvene Farhoody, Pioniere und Experten der Ausbildung über positive Bestärkung aus den USA, kennen zu lernen, die während der Woche anwesend waren und uns einen wertvollen Einblick in ihren großen Erfahrungsschatz gaben.





Bild links: 
Dieses Huhn lernt verschiedene Formen sicher zu unterscheiden.








Bild links:
Nach nur 6 Trainingseinheiten je 1 Minute unterscheidet diese Huhn sicher vier verschiedene Farben.








Bild links:
Erinnerungsfoto mit Parvene Farhoody ( ganz links),
Bob Bailey (2. von rechts) und Viviane Theby (ganz rechts)
Vielen Dank für eine tolle Seminarwoche!




Der wichtigste Unterschied zum „normalen“ Trainieren mit unseren Haustieren, ist der, dass Gefühle völlig fehl am Platz sind.
Man trainiert ein Huhn, das man persönlich nicht kennt und dem Huhn ist es vollständig egal, ob der Mensch es mag oder nicht. Für das Huhn ist nur interessant, dass es sich ein Korn verdienen kann, wenn es die richtige Idee für eine Aktivität hat.
Der Mensch muss die Ausbildungsschritte für das Huhn penibel genau planen, damit das Huhn die richtigen Ideen hat und die Aufgabe erfüllen kann.

Der Mensch als Trainer muss sich zurück halten und keine Bewegungen machen, die das Huhn irritieren könnten und er muss sehr konzentriert beobachten um in den richtigen Momenten das gewünschte Verhalten zu belohnen, was sehr schwierig ist, da Hühner extrem schnell agieren und das Signal „Click“ also das Signal für „Ja, das ist richtig“ auf Zehntel Sekunden genau erfolgen muss.
Stimmt alles, lernen Hühner tatsächlich, komplizierte Aufgaben innerhalb von wenigen Trainingsminuten zu lösen, werden aber auch frustriert und aggressiv wenn das Timing beim Clicken nicht stimmt.

Wir Pferdeleute denken immer gerne, wir sind „Führer“ des Pferdes, beim Clickertraining mit Hühnern lernt man, dass man eher der Assistent und Partner eines intelligenten Tieres ist, das sich selber in Eigeninitiative die Aufgabe erarbeitet.

Mit der intelligenten Technik des Clickertrainings können alle Tiere ausgebildet werden, Delfine, Wale, Vögel, Wildtiere, Zootiere, Haustiere.... alle reagieren und agieren gleich, man muss sich mit den einzelnen Tierarten nicht auskennen.
Es ist also Quatsch, wenn wir Reiter uns einbilden, nur als „Pferdemenschen“, die die Psyche und das Verhalten des Pferdes kennen und sich besonders gut „einfühlen“ können, auch gut auszubilden, im Gegenteil, durch diese Erfahrung mit den Hühnern bin ich eher der Meinung, dass wir es unseren Haustieren viel schwerer machen zu lernen, da wir viel zu egoistisch unsere eigene Gefühlswelt einbringen und die Intelligenz der Tiere dabei maßlos unterschätzen.

Um ein Tier gut auszubilden, braucht man ein klares Prinzip, muss sein Verhalten jederzeit sicher kontrollieren und man braucht einen starken Charakter, um diszipliniert und nicht Gefühls-abhängig zu agieren.

Diese neue Erfahrung, einmal mit ganz anderen Tieren zu trainieren, war sehr aufschlussreich für mich und wird meinen Pferden sehr nützlich sein.
Ich freue mich schon auf die nächsten Seminare auf dem Scheuerhof und empfehle jedem Pferde- oder Hundeausbilder die Teilnahme an den Clickermodulen mit Hühnern bei Viviane Theby. Kontakt: www.tierakademie.de

In 2014 werde ich im Rahmen des PHYSIO-RIDING und der AFT interaktiv Gbr meine neuen Erfahrungen zum Thema „Trainingstechnik Positive Bestärkung“ weiter geben.
Wer Interesse an Vorträgen oder entsprechenden Workshops hat, melde sich bitte per Email.


Empfehlenswerte Literatur:
Vivane Theby, Katja Frey, Nina Steigerwald „Clickerfitte Pferde“ Verlag Müller-Rüschlikon
Karen Pryor „Positiv bestärken, sanft erziehen“ Verlag Kosmos
Karen Pryor „Die Seele der Tiere erreichen“ Verlag Kosmos






Mittwoch, 28. August 2013

Folgenschwere Reiterirrtümer


„Mein Pferd biegt sich nicht, da ist ein Gelenk ausgerenkt“
Falsch. 
Wenn bei einem Pferd ein Gelenk ausgerenkt ist, wird der Reiter nicht darauf sitzen können sondern das Pferd töten lassen, da es nicht mehr stehen kann.
Wenn ein Pferd sich nicht biegt liegt das in der Regel daran, dass der Reiter es behindert.

„Mein Pferd hat Verkalkungen“
Falsch.
Es gibt Kalkablagerungen in Gewebe und es gibt Knochenzubildungen, die man auch als Überbeine bezeichnen kann.
Verkalkt wirken lediglich einige Reiter, die nicht nachdenken bevor sie auf dem Pferd handeln.

„Mein Pferd wölbt den Rücken, wenn es den Kopf nach unten streckt“
Falsch. 
Wenn sich die Halswirbelsäule senkt, wird die Brustwirbelsäule aufgewölbt.
Die Lendenwirbelsäule wird aufgewölbt, wenn das Pferd das Becken kippt.
Wenn das Pferd den ganzen Rücken aufwölbt ist das ein Bocksprung, bei dem der Reiter einen Abgang macht. Beim Dressurreiten ist das Aufwölben der Lendenwirbelsäule wichtig, um das Pferd unter dem Reiter gesund zu erhalten.

„Ich gebe während des Reitens Hilfen.“
Falsch. 
Eine Hilfe gebe ich jemanden, wenn ich ihn dabei unterstütze etwas zu tun, was derjenige gerne möchte. Ich helfe zum Beispiel einem alten Menschen die Treppe hinauf. Oder ich helfe jemanden, etwas schweres zu tragen.
Auf dem Pferd wirke ich mit meinem Körper um das Pferd dazu zu bringen, das zu tun, was ich möchte. Das ist keine Hilfe sondern Manipulation.

„Ich benutze Hilfeszügel“
Falsch. 
Alle sogenannten Hilfszügel sind Zwangszügel, denn sie zwingen das Pferd in eine Körperhaltung.


„Ein Knotenhalfter ist harmlos“
Falsch. 
Ein Knotenhalfter wirkt schärfer als eine normale Trense im Maul des Pferdes. Wer das nicht glaubt, möge bitte einmal ein Knotenhalfter über seine Hand legen (Bild unten), etwas(!) Druck ausüben und dann die Hand hin und her bewegen (Pfeil). Vorsicht, der Druckschmerz dauert nach diesem Versuch noch mindestens 30 Minuten an, die Nerven können bis in den Unterarm hinein über Stunden gereizt sein.

„Der Reiter muss die Beine immer unbeweglich halten.“
Falsch. 
Wenn der Reiter seinen Körper auf dem Pferd drehen will, um Biegungen oder Seitengänge zu reiten, müssen alle Querlinien zwischen den Gelenken immer gerade bleiben. Das geht nur, wenn die Beine sich in die Biegung mit bewegen. Presst der Reiter die Beine an und bewegt sie nicht, muss der Körper aus dem Gleichgewicht kommen. 
Das demonstrieren diese Darstellungen aus unserem Onlinekurs „Besser reiten mit Tai Chi und Qigong“:



Bild 1 – der Reiter ist im Gleichgewicht, alle Linien sind gerade
Bild 2 – Körperdrehung, die Linien von Schultern, Hüfte und Händen bleiben gerade, die Linie der Knie nicht.
Bild 3 – Der Reiter bewegt die Beine nicht, die Körperdrehung ist nur möglich, wenn die Schultern sich aus der Geraden heraus bewegen.


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Freitag, 2. August 2013

Die Schulter des Pferdes – was jeder Reiter wissen sollte

Die Hintergliedmaße ist über Gelenke, also knöcherne Verbindungen, sehr stabil im Becken verankert. Nur weil das so ist, kann das Pferd sein gesamtes Körpergewicht über das Becken nach vorne stemmen.

Die Vordergliedmaße soll nicht Körpergewicht nach vorne transportieren sondern das Körpergewicht auffangen, das die Hintergliedmaße nach vorne gestemmt hat.

Wenn ein Vorderbein nun 500 kg Körpergewicht auffangen soll, was mit mehr oder weniger Schwung vom Hinterbein nach vorne geworfen wurde, ist es für die Gesundheit der Gelenke der Vordergliedmaße unerlässlich, das dieses Körpergewicht weich schwingend und elastisch aufgefangen werden kann.

Das Schulterblatt (als oberes Ende der Vordergliedmaße) ist deshalb ausschließlich mittels Muskelmasse am Brustkorb „angeklebt“.

Jeder Mensch kann es an sich selber ausprobieren. Wenn man laufen will muss man jedes Bein weich und elastisch landen und den Fuß gut abrollen lassen, damit die Bewegung angenehm ist. Tritt man bei jedem Schritt laut und hart auf, entstehen Schmerzen bis in die Hüfte und Lendenwirbelsäule hinein.

Genauso kann man es sich beim Pferd vorstellen, wenn die Muskeln im Schulterbereich nicht mehr weich und elastisch sondern verkrampft oder verspannt sind. Das Auftreten wird hart und schmerzhaft.

Die Podotrochlose, die chronische Entzündung der Hufrolle, ist eine der häufigsten Krankheiten, die Pferde unreitbar machen – und sehr viele Pferde sind bereits im jugendlichen Alter betroffen.

Bereits zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit als Tierphysiotherapeutin vor 14 Jahren war ich erschrocken, wie viele Pferde unter massiven Verspannungen der Muskeln im Schulterbereich leiden und bei den entsprechenden Gangbildanalysen vor und nach der Tierphysiotherapie wurde sehr deutlich, wie extrem das Gangbild durch die Probleme in der Schulter verschlechtert wird.

Ich bin deshalb der Überzeugung, das Verspannungen in der Schultermuskulatur in direktem Zusammenhang zur Chronischen Hufrollenentzündung stehen.

Die Entstehung von Problemen hängt in der Regel mit diesen drei Faktoren zusammen:

  • Das Pferd hat sich unter dem Reiter abgewöhnt, mit der Hinterhand zu stemmen, die Vorhand muss das Gewicht nicht auffangen sondern nach vorne ziehen. Die Muskeln der Schulter sind überfordert und verspannen.
  • Der Reiter sitzt nicht weich genug oder der Sattel passt nicht (ersteres kommt definitiv häufiger vor), das Pferd bekommt während des Reitens Schmerzen in der Sattellage und spannt wichtige Muskeln im Schulterbereich an um sich zu schützen, wodurch Verspannungen entstehen.
  • Das Pferd hat Angst vor dem Reiter, der ihm ja buchstäblich „im Nacken“ sitzt. Es spannt aus seinem Fluchtinstinkt heraus die relevanten Muskeln im Schulterbereich an.

Der wichtigste Aspekt aber ist dieser:
Muskeln werden nur gesund ernährt, wenn sie während der Bewegung zwischen den Zuständen Anspannung – Entspannung – Dehnung im regelmäßigen Rhythmus wechseln. Im Ruhezustand werden die Muskeln ernährt weil sie entspannen.
Wenn ein Muskel über mehreren Minuten kontinuierlich anspannt, kommt zu wenig Blut mit frischen Nährstoffen in den Muskelbauch und Muskelzellen verkrampfen.
Wenn ein Pferd durch Zwangszügel, harte Handeinwirkung oder durch zu langes Reiten in Versammlung dazu gezwungen ist, die Halshaltung konstant beizubehalten, ist die Entstehung von Muskelproblemen im Schulterbereich vorprogrammiert.
Der Reiter kann das Pferd korrekt reiten und perfekt sitzen und des doch krank machen wenn er während der Trainingsphase zu wenig Pausen am hingegebenen Zügel macht, damit die Oberhals- und Schultermuskulatur entspannen und gedehnt werden kann.

Meine Empfehlung als Tierphysiotheraeputin: 
Beim jungen Pferd nie länger als 5 Minuten die konstante Halshaltung verlangen, beim erwachsenen gut bemuskelten Pferd nie länger als 10 Minuten die konstante Halshaltung verlangen.

Jeder Reiter, der diese Empfehlung von mir angenommen hat, war überrascht, wie viel leichtrittiger und williger sein Pferd bereits nach wenigen Tagen der Umstellung wurde.

Zeichen für gefährliche Muskelverspannungen im Schulterbereich können sein:
  • alle Arten von Anlehnungsproblemen
  • lautes Auffussen auf weichem Boden (Gras, Reithalle)
  • wenig Biegungsfähigkeit
  • wenig Bewegungsfreude
  • harte, stoßende - für den Reiter unangenehme- Rückenbewegungen im Trab
Für weitere Informationen besuchen Sie bitte www.physio-riding.de
Hier finden Sie auch Adressen von lizensierten PHYSIO-RIDING Coaches, die Ihnen zeigen können, wie Sie selber regelmäßig ihr Pferd massieren können, um Muskelverspannungen und Gelenkerkrankungen vorzubeugen.

Sollte Ihr Pferd bereits unter Problemen in der Hufrolle leiden, empfehle ich Ihnen, einen Tierphysiotherapeuten zu rufen. Suchen Sie sich einen qualifizierten Therapeuten, der nicht nur massiert oder Wirbelblockaden löst sondern auch über umfassende Kenntnisse aller physikalischen Therapieformen zur optimalen Behandlung der Vordergliedmaßen verfügt. In enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Tierarzt  kann für Schmerzfreiheit gesorgt und die Lebensfreude ihres Pferdes erhalten werden.



Viele wertvolle Informationen für Reiter bieten unser Buch und unsere DVD:

Buch "PHYSIO-RIDING mit Sabine Bruns"
Verlag Müller-Rüschlikon

Lehrfilm DVD "Fühl doch mal"
beides können sie bestellen bei: Verlag www.pferdia.de


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Donnerstag, 27. Juni 2013

Reiten ohne Gebiss – Bitte Unterschiede beachten!

Immer wieder begegnen mir als Tierphysiotherapeutin Pferde, die durch das Reiten ohne Gebiss gesundheitliche Probleme bekommen haben.

Der Grund liegt vor allem darin, dass viele Reiter der Meinung sind, dass alles was am Pferdekopf befestigt werden kann und nicht im Maul des Pferdes liegt grundsätzlich gut ist.
Das ist nicht richtig.

Wer mit einer gebisslosen Zäumung reitet, die dem Pferd Schmerzen auf dem Nasenrücken oder durch Hebelwirkung im Genick zufügt, animiert das Pferd während des Reitens, den Kopf zu senken und damit mehr Gewicht auf der Vorhand zu tragen, als gesund ist. 
Oft neigen solche Pferde dazu, Muskeln im Genick, Hals und Schulter konstant anzuspannen, da die Erwartung von Schmerzen im Gesicht zu einer instinktiven Abwehrhaltung animiert. Dieses Verhalten führt zu Muskelverspannungen wodurch die Gliedmaßenbewegungen ihren elastischen Charakter verlieren und Gelenke und Sehnen geschädigt werden können.
Viele Pferde verspannen die Rückenmuskeln weil einerseits durch die Einwirkung auf Genick und/oder Nasenrücken das Senken des Halses erzwungen wird und andererseits der Reiter steif im Sattel sitzt und Rückenschmerzen verursacht, auf die das Pferd nur durch Anspannung reagieren kann.
Passivität des Pferdes, die häufig als Zufriedenheit gedeutet wird, bedeutet nicht selten, dass das Pferd Hals und Kopf möglichst wenig bewegt, um der Einwirkung auf dem Nasenrücken zu entgehen.

Gesundes gebissloses Reiten geht nur mit einer Ausrüstung, die keine Schmerzen verursacht.

Dieses sind Halsringe und Zäumungen aus weichem anschmiegsamen Leder, Biotane oder gut sitzende weiche Halfter.

Jede Einwirkung mit einem harten Gegenstand auf dem Nasenrücken (Bosal) oder die Einwirkung über Hebelwirkung wie bei einem Hackamore wirkt unter Einbeziehung tierphysiotherapeutischer Aspekte schmerzhafter als die Einwirkung über ein normales gebrochenes Trensengebiss, bei dem sich das Pferd durch festes Zubeißen gegen harte Einwirkung wehren kann.

Wenn ein Pferd gebisslos geritten werden soll, muss eine Ausbildung hierfür stattfinden, in der das Pferd lernt, die Signale einer weichen!!! gebisslosen Ausrüstung wahr zu nehmen und zu verstehen. 
Das geht beispielsweise sehr gut mit dem Clickertraining.

Benutzt man eine gebisslose Ausrüstung, auf die das Pferd sofort sehr empfindlich reagiert, macht das dem Reiter vielleicht Spaß, es hat aber nichts mit harmonischer und Pferde - schonender Reitweise zu tun.

Anstatt sich ein gutes Gewissen durch die Wahl der Ausrüstung vorzugaukeln sollte man als Reiter lieber ehrlich darüber nachdenken, wie man wirklich zu seinem Pferd steht.






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Donnerstag, 28. März 2013

Das Missverständnis „Natürliche Schiefe“


Immer wieder wird in der Ausbildung des Pferdes der Begriff „Schiefe“ verwendet.
Das ist sehr irreführend. Reiter glauben, dass sie die vermeintlich kürzere Seite ihres Pferdes massiv dehnen müssen um das Pferd gerade zu richten. Das ist nicht richtig.

Die natürliche Schiefe beim Pferd entspricht der Links- oder Rechtshändigkeit des Menschen. Es gibt meines Wissens bisher keine weiteren wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse zu diesem Thema.
Viele Wissenschaftler äußerten Vermutungen über unterschiedlich ausgebildete einzelne Muskelgruppen, doch es gibt keine tiermedizinisch begründeten Fachartikel oder Veröffentlichungen, in denen zweifelsfrei festgestellt wurde, dass die Muskeln des jungen Pferdes unterschiedlich ausgebildet sind, verschieden lang sind oder das der Körper des Pferdes eine schiefe Form aufweist. - alles Aussagen, die immer wieder gemacht werden.

Wenn wir junge Pferde ausbilden, müssen wir Ihnen beibringen, die rechte und die linke Körperseite gleichmäßig zu koordinieren genauso wie ein Reiter lernen muss, seine rechte und linke Körperseite gleichmäßig zu koordinieren.

Viele vermeintlich schiefe Pferde wurden von Ihren Reitern in ein Ungleichgewicht geritten, weil der Reiter selber seine rechte und linke Körperseite nicht gleichmäßig koordiniert sondern einseitig stärker auf das Pferd einwirkt.

Freie unbeeinflusste Pferde möchten sich im Trab so fortbewegen, wie es auch andere Vierbeiner, beispielsweise Hunde gerne tun, Sie treten mit dem Hinterbein schräg unter ihren Körper um das Körpergewicht mit besserer Hebelwirkung nach vorne stemmen zu können und bewegen sich hierdurch gerne schräg vorwärts statt schnurgerade.
(Bei langbeinigen Hunden kann man diesen "schnürenden" Gang im Trab sehr schön beobachten.)
Ein junges Pferd möchte das auch tun, wenn es einen Reiter trägt, das fühlt sich für den Reiter so an, als ob das Pferd schief wäre.

Es ist dann grundlegend falsch, einfach „gegen zu steuern“ und die vermeintlich „schlechte“ Seite ausgiebiger zu biegen und zu dehnen als die „bessere“. Das Pferd wird sich abwehrend anspannen, weil ihm die Koordination der „schlechteren“ Seite ja schwerer fällt.

Richtig ist es, das Pferd in langsamen Tempo (Schritt) rechts und links herum gleichmäßig zu trainieren und hierfür gerne Hilfsmittel wie Pylone oder Stangen zu nutzen. Im Schritt kann sich das Pferd am ehesten eine beidseitig gleichmäßige Koordination angewöhnen. 

Am einfachsten ist es für das Pferd wenn es die Koordination erst mal während der Bodenarbeit üben kann. Seitengänge sehr langsam und mit häufigem Richtungswechsel und Lektionen wie beispielsweise der Spanische Schritt  und Isometrische Übungen sind die wichtigsten Übungen.

Auch wir Menschen können durch langsame und bewusste Bewegungen am besten von der Links – bzw. Rechtshändigkeit zu einer soliden „Beidhändigkeit“ umlernen. 

Jeder Reiter sollte als erstes sich selbst kontrollieren um sicher zu sein, mit beiden Körperhälften gleich auf das Pferd einzuwirken bevor daran gedacht wird, das Pferd "korrigieren" zu müssen.

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