Montag, 8. Januar 2018

Von Unfällen, Meinungen, Reitern und ihren Wünschen

Zur Zeit wird in Reiterkreisen heftig über einen Unfall während eines Bodenarbeitsseminars diskutiert, bei dem ein Pferd stieg, sich überschlug und starb. Da ich mehrfach gefragt wurde, was ich dazu meine, schreibe ich diesen Blogbeitrag.

Reiter beteuern, dass es Ihnen in erster Linie um das Wohl ihrer Pferde geht.

In den Physio-Riding Seminaren gebe ich keine Meinungen, sondern ausschließliche FAKTEN über Anatomie, Biologie und Verhaltensforschung weiter. Der Reiter entscheidet, wie er mit diesem Wissen umgeht.

Wenn ich 10 Reitern innerhalb eines Seminars die Anatomie des Pferdekopfes und die Wirkung des Knotenhalfters erkläre, benutzen es trotzdem 9 weiter.

Wenn ich 10 Reitern die Wirkung von Hebelgebissen erkläre, benutzten sie 9 weiter.

Wenn ich 10 Reitern die Wirkung von Sporen auf die Bauchmuskeln erkläre und sie dadurch verstehen, warum ihr Pferd „triebig und schwunglos“ geworden ist, benutzen 9 trotzdem weiter die Sporen, weil sie sonst ihre Trainer wechseln müssten oder in Turnierreiterkreisen nicht mehr ernst genommen werden.

Wenn ich 10 Reitern aus den Lehren des Xenophon vorlese, dass er empfiehlt, zu Beginn der Pferdeausbildung zwei Gebisse zu nutzen, von denen eins scharfe Stacheln haben soll, damit das Pferd leicht in der Hand wird, werden trotzdem 9 weiterhin von der wahnsinnig tollen klassischen Reitkunst schwärmen. ( … und sich übrigens sehr gerne über die „Rollkur“ aufregen ....)

Wenn ich 10 Reitern modernes Wissen aus der Verhaltensforschung erkläre, werden 9 trotzdem weiterhin nach den Reitlehren mit ihren Pferden arbeiten, die davon ausgehen, dass das Pferd dumm ist und ausschließlich von Instinkten gesteuert reagiert, wie man es noch bis vor 30 Jahren annahm.

Wenn ich mit 10 Reitern darüber rede, dass die alten Reitlehren militärischen Zwecken dienten, bei denen Drill und Gehorsam einen weit höheren Stellenwert hatten, als die Gesundheit des Pferdes, werden trotzdem 9 weiterhin nach diesen Lehren arbeiten.

Wenn ich mit 10 Reitern darüber reden, dass die anderen alten Reitlehrern dazu dienten, Pferde als zuverlässige Arbeitsgeräte zu nutzen, bei denen stumpfer Gehorsam der Bequemlichkeit des Reiters (Arbeiters) diente, und nicht die Gesundheit des Pferdes an erster Stelle stand, werden trotzdem 9 weiterhin nach diesen Lehren arbeiten.

Diese Liste könnte ich seitenlang fortführen. Selbst wenn man darauf hinweist, dass bis heute nur ein Bruchteil der als Reitpferd eingesetzten Pferde gesund alt werden und Krankheiten wie die Chronische Hufrollenentzündung, Athrosen, Kissing spines, Lungen/Atmung usw. usw. usw.in nahezu jedem Reitstall bei Reitpferden entstehen, aber nicht bei Wildpferden ….
selbst dann werden 9 von 10 Reitern weitermachen, wie bisher und hoch erhobenen Hauptes erklären, dass Ihre Art, mit dem Pferd umzugehen,  nur dazu dient, das Pferd gesund zu erhalten.

Dieses 9 von 10 Reitern regen sich jetzt auf, dass während eines Seminars ein Pferd gestorben ist. Wäre dieses Pferd in diesem Seminar nicht gestorben, sondern wäre sein Wille gebrochen worden und es hätte die Übung nach Wunsch des Ausbilders ausgeführt, hätte sich niemand aufgeregt, denn täglich wird Pferden der Wille gebrochen ( ... schon allein, weil die Reiter sonst Angst vor ihren Pferden hätten).

9 von 10 Reiter haben ihre Pferde, um sich selbst etwas zu geben und sie sehen das, was für das Pferd gut ist, durch die Brille, die sie sich aufsetzen. Sie sehen das, was sie sehen wollen.


PS:

Für den 10. von 10 Reitern gebe ich weiterhin Seminare und schreibe Lehrbücher. 😊 

Sabine Bruns
Physio-Riding, Tai Chi, Qigong, Mentaltraining