Donnerstag, 6. März 2014

Der große Irrtum über die aktive Hinterhand

Viele Reiter wissen, dass die Hinterhand ihres Pferdes aktiv sein muss, aber die wenigsten verstehen, was das wirklich bedeutet.
Wir unterscheiden bei der Beurteilung der Hinterhandtätigkeit drei Kriterien:
  1. der Raumgriff
  2. die Höhe der Tritte
  3. die Beckenaktivität
Wenn ein Pferd fleißig vorwärts geht, macht es große Schritte nach vorne und das Hinterbein fußt unter dem Reitergewicht. Hierdurch fällt es dem Pferd leichter, das Reitergewicht zu tragen. Das wissen die meisten Reiter und halten sich daran. Heute allerdings reicht diese Regel nicht mehr aus.

Wenn ein Pferd mit hohen Tritten unter seinen Körper tritt, wird das in der Regel als Versammlung bezeichnet. Das bedeutet klassisch ausgedrückt „die Kadenz“ erhöht sich., wodurch sich der Raumgriff verringert. Das Pferd verlagert sein Gleichgewicht mehr auf die Hinterhand. Auch diese Erklärung kennen die meisten Reiter und auch diese Erklärung ist nicht mehr uneingeschränkt zeitgemäß.

Warum?

Früher war der Körperbau der Pferde so, dass großer Raumgriff und schöne Versammlung nur unter Beteiligung des Beckens möglich waren. Heute sind die modernen Sportpferde so gezüchtet, dass beides ohne Beteiligung des Beckens möglich ist. Die Folgen sind für die Gesundheit des Pferdes katastrophal.

Bitte probiere einmal die auf dem folgenden Bild gezeigte Übung:

Wenn man das Bein so hoch anhebt und dabei nicht im Hohlkreuz die Schultern nach hinten kippen lassen will, geht das nur, wenn das Becken gekippt wird. Dabei fühlt man, wie der Rücken im Bereich der Lendenwirbelsäule in eine stabile Dehnung gezogen wird.

Genauso ist es beim Pferd, wenn es beim vorwärts treten das Becken mit bewegt.
Das Becken wird gekippt, dadurch werden die langen Muskeln entlang der Wirbelsäule gedehnt und der gesamte Rücken erhält ein hohes Maß an Stabilität, wodurch das Pferd den Reiter gut tragen kann.

In der Dressurausbildung sollte es deshalb so sein, dass das Pferd im ersten Ausbildungsabschnitt lernt, mit der Hinterhand so fleißig zu sein, dass das Becken bei jedem Schritt gut mit bewegt wird und dann in der Versammlung „schöner“ vorwärts tritt ohne dass die Beckentätigkeit aufhört. (Hierbei nimmt das Pferd dannn übrigens auch selbstständig! die schöne Halshaltung der Versammlung ein.)
Deshalb ist auch die Erhaltung des Schwungs in der Versammlung ein wesentlicher Faktor bei der Entwicklung gesunder Versammlung.

Bewegt das Pferd die Hinterhand ohne das Becken zu kippen, entwickelt sich ein Hängerücken. Beim jungen Pferd fällt das noch nicht auf, da es eine Weile dauert, bis die Wirbelsäule so kaputt ist, dass man auch von weitem das Hohlkreuz sieht. Lange Zeit sieht das Pferd gesund aus, aber die Muskeln im Rücken sind bereits viel zu weich und „schwabbelig“ und können den Reiter nicht mehr tragen. Das Gewicht lastet viel zu sehr auf den Knochen.

Oft habe ich mit Reitern zu tun, die diese Erklärung zwar hören aber nicht umsetzen können (wollen?) weil das Sitzen auf einem Pferderücken ohne Beckenbewegung sehr viel leichter ist, als auf einem Pferd mit Beckenbewegung.
Der Rücken ohne Beckenbewegung bewegt sich fast gar nicht. Oft sieht man barocke Pferd (Spanier, Friesen), die ohne Beckenbewegung beeindruckende Tritte zeigen und die Reiter schwärmen, wie toll weich und bewegungslos man sitzen kann. Auch viele Freizeitreiter kennen diese Zusammenhänge nicht und freuen sich über eine vermeintlich schöne, angenehme Rückentätigkeit ihres Pferdes. 

Das Bild oben ist Teil des Buches PHYSIO-RIDING mit Sabine Bruns (Verlag Müller Rüschlikon)



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Kommentare:

  1. Liebe Frau Bruns, ich denke, dass Sie mit Ihrer Beschreibung falsch liegen. Ein Pferd kann sich erst versammeln, wenn es gelernt hat, die Tragefunktion der Vorhand zu nutzen. Bis dahin muss die Hinterhand primär über die Ausrichtung des Schubes das Gewicht des Körpers (und des Reiters) in die richtige Position über der thorakalen Muskelschlinge bringen - ohne beim Abdrücken ins Hohlkreuz zu fallen. Das ist etwas anderes, als mit abgekipptem Becken oder gar mit wechselseitigem Abkippen des Beckens zu laufen. Für den Selbstversuch: Schieben Sie eine volle Schubkarre, treten Sie dabei mit langen Schritten und abgekipptem Becken möglichst nahe an den Schwerpunkt der Karre. Füße heben nicht vergessen. Wenn Sie das hinbekommen, gebe ich mich geschlagen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Maren Diehl

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  2. Tut mir leid, Maren, aber der Vergleich mit der Schubkarre ist mir leider nicht verständlich. Jedes unausgebildete Pferd kann sich versammeln, das zeigt mir unser Jährling jeden Tag beim spielen. :-)

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    1. Haben Sie versucht, es zu verstehen? Denn nur dann macht es Sinn, darüber zu schreiben und vielleicht auch zu streiten. Machen Sie doch den Versuch mit der Schubkarre einfach!
      Zwischen "sich versammeln" und "sich unter einem Reiter - diesen tragend - zu versammeln", ist für mich übrigens ein riesiger Unterschied.

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    2. Wenn sich ein Pferd OHNE Reiter natürlich versammelt, ist das doch eine ganz andere Situation, als wenn ein Pferd sich unter dem Reiter ausbalancieren und selbst tragen lernen muss und sich später auch versammeln kann. Wer das nicht versteht, hat das Grundsätzliche, auch der Pferdeausbildung, nicht verstanden!

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  3. Da ich Tai Chi praktiziere, schiebe ich meine Schubkarre grundsätzlich mit gekipptem Becken. Im Übrigen denke ich, dass dieses Thema für eine Diskussion als Block-Kommentar zu groß ist. In meinem Seminaren und Büchern gehe ich konkret und in allen Einzelheiten auf die Muskelvorbereitung des zukünftigen Reitpferdes ein.

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  4. "In meinem Seminaren und Büchern gehe ich konkret und in allen Einzelheiten auf die Muskelvorbereitung des zukünftigen Reitpferdes ein."
    ;)) Ich auch. Vor allem befasse ich mich mit den Schäden, die durch falsche Vorstellungen entstehen, und die Sache mit dem Becken abkippen gehört leider dazu. Deshalb bin ich so penetrant. Ich finde es wichtig, zu diskutieren.
    www.Die-Pferde-sind-nicht-das-Problem.blogspot.de

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  5. Frau Bruns, ich kann Ihnen nur zustimmen. Leider sehe ich in meiner Praxis viele Pferde, die durch gerade eben diese Wissenslücke in eine Situation kommen, wo lange ohne Beckentätigkeit geritten wird und bevor noch der Rücken des Pferdes tragunfähig wird, sind bereits die Sprunggelenke verschlissen. Dann wird das Pferd bereits mit 8 oder 9 Jahren regelmäßig gespritzt. Früher war Arthrose im Sprunggelenk ein Problem alter Pferde. Heute wird dieses Problem, zumindest hier in Amerika, regelmäßig bei jungen Pferden behandelt.

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  6. Liebe Frau Bruns,
    Sie schreiben: „Wir unterscheiden bei der Beurteilung der Hinterhandtätigkeit drei Kriterien:
    1. der Raumgriff
    2. die Höhe der Tritte
    3. die Beckenaktivität“
    Keines dieser drei Kriterien besitzt wirklich eine Funktion bei der eigentlichen (!) Aufgabe des Pferdes, nämlich seine Körpermasse und den auf seinem Rücken befindlichen Reiter in einer definierten Gangart und Geschwindigkeit in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Das geht nur mit der Ausrichtung und Dosierung der Schubkraft in die zu bewegende Masse, der Stabilisierung der Lendenwirbelsäule und ihrem Übergang in die Brustwirbelsäule sowie der Koordination von Tragkraft und Schubkraft.
    Einfach nur Becken abkippen statt mit Hohlkreuz hinten rauszuschaufeln ist keine echte Alternative. Damit ist die Form verändert, das Problem jedoch nur verlagert.
    Übrigens haben die Rückenmuskeln keine tragende Funktion.

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  7. Also um das noch einmal klar zu stellen, in diesem Blogeintrag geht es um einen Aspekt der Pferdeausbildung, natürlich spielen für die Gesundheit des Pferdes viele weitere Aspekte eine große Rolle.

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